mo.ë – die letzten Tage

"Eviction": Schriftzug über dem Eingang zur mo.e Kunstinitiative

Vorbei: Nach zwei Jahren Widerstand und diversen Gerichtsverfahren musste die Kunstinitiative mo.ë in der Thelemangasse 4 das Handtuch werfen und einem Vergleich zustimmen, der den Auszug per Ende Mai 2017 vorsieht.

In Zusammenhang mit der laufenden „Aufwertung“ des Grätzels sind die Hintergründe durchaus symbolträchtig. Näheres dazu ist noch zu berichten, abgesehen davon, dass das Drama für einige MieterInnen in der Thelemangasse 4 noch nicht zu Ende ist – ihnen droht der Verlust ihrer Wohnung, ob mit oder ohne akzeptable Ersatzangebote wird sich zeigen.

Vorläufig verweise ich auf die Website von mo.ë und auf die letzte Chance, einen Event in den Räumlichkeiten der Initiative mitzuerleben: MOE HIMMELFAHRT (MOE IS IN A BETTER PLACE NOW), Sonntag, 28. Mai 2017, nachmittags.

Hier einige Camcorder-Stills vom 26.5.2017.

Die kleine Fahrradwerkstatt

Die kleine Fahrradwerkstatt, Yppenplatz
Ein erfreulicher Neuzugang am Yppenplatz: In der ehemaligen Heimstatt von INTERVALL, Kaffeehaus am Ring® und Enjoy Living (siehe Yppenplatz: Drei Initiativen sagen „bye bye“) hat sich nun Thomas Kaider mit seiner Fahrrad-Reparaturwerkstatt eingemietet, die zuvor jahrelang auf der Jörgerstraße 17 in den ehemaligen Räumlichkeiten eines Altwarenhändlers versteckt war.

Die Website www.fahrradwerk.at muss er erst aktualisieren, wie er mir gesagt hat.

Die aktuellen Öffnungszeiten sind aber am Fenster angeschlagen:

Di: 7:30 – 10:00 // 17:00-19:30
Mi 14:00 – 18:00
Do: 7:30 – 10:00 // 14:00-18:00
Fr 15:00 – 19:00
Sa 10:00 – 14:00

Ich wünsche ihm viele Fahrräder, die seiner Zuwendung bedürfen!

Kleine Fahhrradwerkstatt: Blick auf die Fuzo
Von innen ist die Aussicht (Bild rechts) übrigens ausgezeichnet, finde ich; dank der spiegelnden Glasscheibe sieht man weder die Ex-Ottakringer-Hütte noch das ansonsten dominante neue öffentliche WC. Das ist schon Einiges wert …

Gastronomie-Update: Tendenz zur Kurzlebigkeit
Am Rande noch eine Anmerkung: Die durchschnittliche Lebensdauer der Gastronomie-Betriebe am Platz scheint weiter nach unten zu tendieren. Das gescheiterte Brauwerk Flagship Store der Ottakringer Brauerei hat den Pächter Nr. 3 (Ludwig & Adele), das Rasouli heißt jetzt Frida, und das Ando-Fisch hat sich in eine Nobel-Pizzeria verwandelt (heißt das jetzt Ando-Pizza? Bitte selbst erkunden).

Im ehemaligen Café Engelmaier residiert nun die Völlerei, und das frühere Einraum, das wohl zwei Jahre leer stand, heißt nun seit einiger Zeit Mani, orientalische Küche. Hoffentlich haben die hoffnungsvollen Betreiber weniger dafür bezahlt als die diversen beauftragten Immobilienfirmen ursprünglich verlangt haben (brutto 234.000 Euro …).

In der Brunnengasse 74 ums Eck neben dem Au gibt’s zudem nun das Restaurant Kook (persisch, offenbar eigentlich ein Caterer mit Bestell-Service), und in der Payergasse 7 das griechische Kafeneon.

Steuergeld für Dachbodenausbau: Hauptsache Schwung

Während Angebot und Nachfrage am Wiener Wohnungsmarkt weiter auseinanderklaffen und Immobilienfachleute vor einem weiteren Preisauftrieb warnen, hält die Gemeinde Wien unbeirrt an ihrer Aufwertungspolitik fest: Hauptsache, es kommt Schwung rein (Wohnbaustadtrat Ludwig).

Die Aufwertungsstrategie der Gemeinde Wien ist ja nichts Neues (siehe meine kritische Bewertung unter Aufwertung alla Viennese), aber ab und zu muss offenbar wieder mal die Trommel gerührt werden. Diesmal auf meinbezirk.at, unter dem treffenden Titel Finanzspritzen für die Hausherren, meinbezirk.at, 23. 1. 2017).

Kurz zur „Aufwertung“: Im Wesentlichen bekommen dabei private HauseigentümerInnen diverse steuerfinanzierte Förderungen, um billigen Wohnraum zu beseitigen und teuren schaffen zu können (Mietbegrenzungen sind bei Wohnbauförderungen zeitlich befristet). Endeffekt sind unter den heutigen Bedingungen (zu geringes Angebot am Wohnungsmarkt) höhere Wohnkosten, die Vertreibung sozial schwächerer Mieterinnen und Mieter, höhere arbeitslose Einkommen, die irgendwo auf den Finanzmärkten landen, ein geringerer privater Konsum, da die steigenden Wohnkosten die übrige Kaufkraft verringern; volkswirtschaftlich (sinkende Gesamtnachfrage) ein ausgemachter Unsinn.

Nicht so für die Verantwortlichen der Gemeinde Wien. „Besonders positiv hat sich die sanfte Stadtentwicklung entlang des Brunnenmarktes ausgewirkt. Nachdem die Stadt den Anstoß dazu gegeben hat, ist hier viel Schwung entstanden“, so Stadtrat Michael Ludwig (SPÖ).

Sanierungszielgebiete: Das halbe Grätzel

Nun soll das Füllhorn verstärkt in so genannten Sanierungszielgebieten ausgeschüttet werden, und eines davon ist etwa der gesamte Bereich zwischen Hubergasse, Friedmanngasse, Ottakringer Straße und Gürtel (rot umrandet, siehe Karte links). Ein Schwerpunkt, so Ludwig-Sprecherin Christiane Daxböck, liege dabei auf dem Ausbau von Dachgeschoßen.

Das ist nun doch etwas verwunderlich, nicht nur, weil es hier ohnehin bereits vor Dachbodenausbauten wimmelt (was zeigt, dass sie sich auch ohne Förderung rentieren), sondern auch aus einem anderen Grund. In den Fördervoraussetzungen des Wohnfonds Wien heißt es nämlich: „Gebäude und Wohnungen müssen der Befriedigung des dringenden Wohnbedürfnisses ihrer BewohnerInnen dienen.“

Offenbar hat die Gemeinde Wien eine neue Zielgruppe für ihre Aufwertungspolitik entdeckt: Von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen mit gehobenen Ansprüchen an ihr Wohnambiente, die sich nur in Form von Dachwohnungen befriedigen lassen.

Mitten in diesem Sanierungszielgebiet befindet sich übrigens auch die Thelemangasse, und dort, in der Thelemangasse 4, kämpft die Kunstinitiative mo.ë seit geraumer Zeit um ihre Existenz (siehe mo.ë / Thelemangasse: Alles hängt in der Luft).

Fehlt nur noch, dass der neue Eigentümer des Objekts, der dafür an die zwei Millionen Euro hingeblättert hat, von der Gemeinde Wien Geld für seine Verwertungspläne bekommt, womit der Rausschmiss von mo.ë und der übrigen noch nicht vertriebenen BewohnerInnen des Hauses noch dazu mit Steuergeldern unterstützt würde. Die Optik wäre nicht gerade ideal. Aber Hauptsache Schwung, nicht wahr?

2017: Österreichweit Preisschub im Billigsegment (Miet- und Eigentumswohnungen)

In Österreich ist 2017 ein kräftiger Anstieg der Preise von billigen Miet- und Eigentumswohnungen (Monatsmiete unter 600 Euro oder Kaufpreis unter 200.000 Euro) zu erwarten, warnte die Immobilienfirma Remax Austria Anfang Jänner – im Durchschnitt um 5,1 Prozent.

Studien, Daten, Hintergründe zum Wohnungs- und Immobilienmarkt

Hauptgrund ist das anhaltende Auseinanderklaffen von Nachfrage und Angebot in diesem Preissegment.

Dies trifft insbesondere auch auf Wien mit dem erwarteten Bevölkerungswachstum um 200.000 Menschen in den nächsten zehn Jahren zu, wie Remax-Experte Wilhelm Fetscher konstatiert.
„Obwohl aktuell schon sehr viel in Wien gebaut wird, es steht ja quasi beinahe an jeder zweiten Ecke ein Baukran, ist es immer noch zu wenig“, sagt Fetscher.

Und noch ein interessantes Detail zum Thema Vorsorgewohnungen: Viele zur Anlage gekaufte Wohnungen stünden leer, „weil sie zu den geforderten Mietpreisen aktuell keine Mieter finden“, wie Fetscher anmerkte.

Siehe u.a. Preisschub bei billigen Wohnungen (Die Presse, 3.1.2017) sowie die Remax-Presseaussendung zu Wien (REMAX Presseinformation Wien (2. 1. 2017).

Bezahlbarer Wohnraum: Vortrag auf Radio derive

Auf derive – Radio für Stadtforschung ist heute ein Vortrag von Christoph Reinprecht über kommunale Strategien für bezahlbaren Wohnraum in Wien zu hören. Titel: „Das ‚Wiener Modell‘ oder das Ende einer Legende“.

Sendetermin: 6. Dezember 2016, 17.30 Uhr, o94.at (ORANGE 94.0).

Anhören kann man sich’s aber bereits hier: cba.fro.at/329781

Die Sendung kann unter folgendem Link unbeschränkt nachgehört werden: cba.fro.at/series/derive-radio-fuer-stadtforschung

mo.ë / Thelemangasse: Alles hängt in der Luft

Die Leute von mo.ë sind noch immer da, d.h. in der Thelemangasse 4, wo sie nach Willen der Immobilienfirma Vestwerk hätten delogiert werden sollen. Das ist das Positive. Doch im Rechtsstreit mit Vestwerk gibt es noch kein Urteil, und die generelle Lage hat sich m.E. wahrscheinlich verschlechtert.

Warum verschlechtert? Weil Vestwerk a) das Objekt Thelemangasse 4 mittlerweile veräußert hat und b) der neue Eigentümer, die Realtrade Immobilien Gmbh, dafür weit mehr bezahlt hat als die 870.000 Euro, die Vestwerk ursprünglich dafür berappt hatte: 1,9 Mio. Euro nämlich, alles nach Angaben von mo.ë (Links zu den letzten öffentlichen Stellungnahmen von mo.ë im Kasten). Das Grätzel ermöglicht ansehnliche Spekulationsgewinne, wie auch dieses Beispiel demonstriert.

Für Vestwerk hat sich die Investition also bereits bezahlt gemacht. Leider ist nicht davon auszugehen, dass die Realtrade Immobilien GmbH beabsichtigt, rund 2 Mio. Euro in den Sand zu setzen. Konkrete Pläne sind mir nicht bekannt, doch kann es eigentlich nur in dieselbe Richtung gehen wie zuvor: Vestwerk plante eine Generalsanierung des Wohnhauses Thelemangasse 4 nebst Errichtung von Luxus-Lofts. Ich habe eben erst mit Recherchen begonnen, u.a. zum Geschäftsführer und indirektem 50%-Eigentümer der Realtrade Immobilien GmbH *), Israel Abramov, Angehöriger der bucharischen jüdischen Gemeinde in Wien.

Mit Abramov schließt sich gewissermaßen ein Kreis: Das Haus Thelemangasse 4 und die Fabrik, in deren ehemaligen Räumlichkeiten die Leute von mo.ë ihre Aktivitäten entfalten, befand sich im Besitz der 1939 von den Nazis vertriebenen jüdischen Familie Mandelbaum, die das Objekt nach 1945 veräußerte. (Siehe Grätzel-Geschichte: Vertreibung der jüdischen Bevölkerung.) Es könnte ja sein, dass dieser Umstand mit ein Beweggrund für den Erwerb des Objekts war, abgesehen von den rein geschäftlichen Interessen.

Wie erwähnt, stehen meine Recherchen zum Thema erst am Anfang. Weitere Erkenntnisse werde ich hier veröffentlichen.

*) Genauer: Thelemangasse 4 Realtrade Immobilien GmbH, Anteilseigner zu je 50% sind YARIS Investments & ImmobilienBeteiligungs GmbH (100%-Anteilseigner Israel Abramov) und ARNA Realtrade Immobilien GmbH, 100%-Anteilseigner: Ariel Natanov.
Quelle: www.firmenabc.at

urbanize! Festival: „Stadt der Vielen“

Mittwoch abends war wieder einmal was los am Yppenplatz. Unüberhörbar für mich, da ich sozusagen in der ersten Reihe sitze. Mittlerweile weiß ich: Es war die Eröffnungsparade des urbanize! Festivals „Stadt der Vielen“, das bis 16. 10. 2016 in der Festivalzentrale Gschwandner im 17. Bezirk stattfindet.

Allgemeines zum „Festival“ findet sich unter urbanize! 2016 »Housing the Many – Stadt der Vielen«, hier geht’s zum Wiener Programm. Durchaus interessant.

urbanize! 2016 »Housing the Many – Stadt der Vielen« rückt die Skalierbarkeit der vielfältigen Erfahrungen aus Projekten und Initiativen urbaner Selbstorganisation in den Fokus und beleuchtet ihr Potenzial für eine Stadtentwicklung durch, mit und für Bewohnerinnen und Bewohner.

Zurück zu Mittwoch abends. Ich hatte keine Ahnung, worum es da ging. Laut war’s, aber die Musik war nicht so übel. Im Dunkeln konnte ich dann so etwas wie Transparente erkennen, auf denen etwas von hohen Mieten und Renditen stand. Aha, dagegen wird protestiert. Find ich ja eh gut. Bloß nach ein bisschen Aufnehmen mit dem Camcorder aus dem geöffneten Fenster war mir dann einfach zu kalt. Dann war ich froh, wie die Leute alle wieder weg waren, denn der Schallpegel war selbst bei geschlossenen Fenstern ziemlich hoch.

Abgesehen von Zweifeln an der generellen Sinnhaftigkeit von Demonstrationen sollte man so eine Aktion vielleicht eher bei Tageslicht durchführen, bevor die Geschäfte schließen. Am Yppenplatz war kaum jemand auf der Straße, die Fenster wegen der kalten Außentemperaturen alle geschlossen.

Hier eine kleine Video-Kostprobe (mp4 und webm):